TransLibLab présente:
Lektürekurs: Was ist Verdinglichung?

TransLib-Lektürekurs: Was ist Verdinglichung?

Lukács 1955

Nächste Treffen am Di 24.03.2015, 19h und Di 7.04.2015, 19h.

Wir beschäftigen uns weiter intensiv mit "Totalität und Kritik" von Kornelia Hafner und Diethard Behrens aus dem von Behrens herausgegebenen Sammelband "Gesellschaft und Erkenntnis" (Ça ira, Freiburg 1993).

Material zum Kurs und Blog der translib Frankfurt

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Lektürekurs: Was ist Verdinglichung?

 

Lucaks

Von Dezember 2011 bis Frühjahr 2013 haben wir intensiv den großen und schwierigen Verdinglichungs-Aufsatz aus György Lukács' Buch: Geschichte & Klassenbewusstsein gelesen und diskutiert. Danach wollen wir uns weiteren Texten aus und zu dem Buch zuwenden.

zum Text Ankündigungs-Text zum Lektürekurs

zum Text György Lukács: Geschichte und Klassenbewusstsein (komplett aber ohne jegliche Seitenkonkordanz)

zum Text György Lukács: Die Verdinglichung und das Bewusstsein des Proletariats Der große Verdinglichungs-Aufsatz aus Lukács' "Geschichte und Klassenbewusstsein" von 1923.

zum Text Winfried Menninghaus: Kant, Hegel und Marx in Lukács' Theorie der Verdinglichung. Destruktion eines neomarxistischen 'Klassikers' (1975).

zum Text "Der Normalität entgangen. Neue Dokumente zur Verhaftung von Georg Lukács 1941" (aus der FAZ-Beilage "Geisteswissenschaften" vom 24.02.1999)

Do 17.11.2011 um 19h - transLib (die queercommunistische Bibliothek im IVI Dachgeschoss, Ffm, Kettenhofweg130)
Was ist Verdinglichung? (Lektürekurs)

Lucaks 1919

Wir lesen & diskutieren den Begründungs-Essay des westlichen Marxismus als Einstieg in das berüchtigte Buch von György Lukács: Geschichte & Klassenbewusstsein. Texte vorhanden, keine marxistischen und philosophischen Vorkenntnisse nötig.
{pdf-Version des Buchs →}

40 Jahre nach dem Tod des bedeutenden marxistischen Theoretikers (1885 – 1971), der als "enfant terrible" des Kommunismus immer höchst umstritten blieb, ist die Kontroverse um sein Werk wieder aufgeflammt. Es dreht sich um "Die Verdinglichung und das Bewusstsein des Proletariats" – so der Titel des großen Essays in seinem Buch von 1923, dessen Wirkungsmächtigkeit im 20.Jahrhundert unbestritten ist und das vor allem die kritische Theorie Adornos und W.Benjamins, aber auch des westlichen Communismus etwa der Situationist_innen zutiefst geprägt hat. Doch Lukács selbst war, als das Buch 1923 erschien, von Marx ebenso wie von Lenin, Rosa Luxemburg, Anton Pannekoek und den unterschiedlichsten, ja widersprüchlichsten Strömungen eines Rätekommunismus und zugleich Partei- und Staatskommunismus durchdrungen, die bis heute ebenso auseinanderdifferenziert wie unaufgehoben geblieben sind.

Das Problematische und dadurch zugleich Anregende dieses Beitrags ist die frühmarxistisch-kritische Aneignung und Entwendung neukantianischer, neuhegelianischer, lebensphilosophischer, ontologischer und soziologischer Denkschulen der bürgerlichen Wissenschaft durch den "Hegelmarxisten" Lukács. Diese Mélange und ihr materialistischer Anspruch (auf eine Wiederherstellung und Erneuerung "der" Marxschen Methode) mit dem Ziel, einen historischen Bewusstseins-"Sprung" im Massenmaßstab bewirken zu helfen, in dem Theorie als Erkenntnis-"Blitz des Gedankens" (Marx) in die effektive Praxis der Revolution für den Communismus umschlagen kann, bleibt nicht nur eine Herausforderung an die Kritik (auch für Lukács’ spätere theoretische Selbstkritik) sondern ist aktueller denn je: weder die in solchen "Westlichen Marxismus" eingespeisten Denkschulen noch die treibenden Kräfte "der wirklichen Bewegung welche den jetzigen Zustand aufhebt" (Marx’ Communismus-Definition) können als erledigt betrachtet werden. Ganz im Gegenteil: gerade nach dem menschheitsgeschichtlichen Zivilisations- und Revolutions-"Bruch" (der Shoa) im 20.Jahrhundert hat sich die materielle Grundlage – und ihr "struktives Zentrum" (Lukács): die Wert- und Warenform, das Geld und Kapital/Lohnarbeit – als Totalität so katastrophisch krisenhaft weiterentwickelt, dass die um sich greifende globale Barbarei sogar dem Alltagsdenken zunehmend "kapitalismuskritische" Impulse aufdrängt. Nur bleiben diese begriffslosen Gefühls- und Staatssozialismen wiederum in eben jenen fetischistischen Formen hängen (die gefährlichste Spielart dieser "Alltagsreligion" ist seit langem der "Antisemitismus"), zunehmend barbarischer werdende Formen "konformistischer Revolte", die erst mit der weltgesellschaftlichen Aufhebung der kapitalistischen, d.h. mehrwertproduzierenden und auf der universalen Warenform beruhenden Produktionsweise durch die bewusst assoziierten selbstbestimmten Produzent_innen selber auflösbar sind.

Der komplexe und vertrackte Verblendungszusammenhang dieser gesellschaftlichen Verkehrungsformen, die dem Warenfetischismus entspringen, wird schon von der Marxschen dialektischen Methode als "Verdinglichung" analysiert. Und weil Lukács in seinem Essay 1923 wie kein anderer diesen Zusammenhang in den Mittelpunkt materialistischer Revolutionstheorie stellt, fordert er heute die kritische Anstrengung – nicht nur akademischer Wissenschaft, sondern vor allem der eigenständigen, selbsttätigen kritischen Praxis-der-Theorie durch die normalen Lohnarbeitenden (Proletarisierten) und Pauperisierten (Erwerbslosen etc.) – zur erneuten Auseinandersetzung mit all diesen in "Geschichte und Klassenbewusstsein" aufgebotenen und aufgemischten – zum Teil konfus anmutenden – Theorien des gesellschaftlichen Seins und Bewusstseins. (Wir verweisen hier nur auf Axel Honneths subjektivistisches Zurückbiegen der "Verdinglichung" 2005 auf eine reformistische Demokratisierungsdoktrin, welche die Warenproduktionund die gegenseitige "Anerkennung" von Lohnarbeit und Kapital sogar noch als Endzweck der Gesellschaftsgeschichte fixieren will).

Zur Jahreswende soll im Ca ira Verlag ein Sammelband zu der neueren Auseinandersetzung mit Lukács erscheinen unter dem Arbeitstitel "Verdinglichung heute". Er gibt uns den Anstoß für diesen Lektürekurs. In dem geplanten Band wird der Verdinglichungs-Essay von Lukács erneut zugänglich gemacht, er ist dort einer Reihe von kritischen Beiträgen vorangestellt, von denen wir hier einige nennen möchten:

  • Gerhard Stapelfeldt: ‚Katastrophe’ oder ‚Revolution’ – Georg Lukács’ dialektische Kritik des orthodoxen Marxismus 
  • Fabian Kettner: Die Theorie der Verdinglichung und die Verdinglichung der Theorie
  • Biene Baumeister Zwi Negator: Lukács’ Verdinglichungskritik und die situationistische Kritik des Spektakels
  • Tim Hall: ‚Reification, Materialism and Praxis: Adorno’s critique of Lukács‘
  • Hans Martin Lohmann zu Lukács’ Ignoranz gegenüber der Psychoanalyse
  • Gerhard Scheit: Die Verdinglichung und das Bewußtsein des Antisemiten. Wie hat Georg Lukács sich der Waffe der Kritik entledigt?

Unser Lektürekurs sollte auch eine Vorbereitung auf eine breitere Diskussion um die Beiträge dieses Sammelbandes ermöglichen und erleichtern.

Der Lektürekurs wird damit experimentieren, möglichst unbelastet von philosophischem, soziologischem und insbesondere marxistischem Vorwissen-als-Voraussetzung an diesen "Urtext des westlichen Marxismus" heranzugehen. Das heisst nicht, dass sich Teilnehmer_innen, die solche Vorkenntnisse besitzen, "dumm machen" müssten; sondern es bedeutet nur, dass bewusst eine Form der Aneignung von (wie hier bei Lukács) hochkarätig philosophisch und soziologisch aufgeladener Theoriebildung angestrebt werden kann und soll, die zum einen die permanente "Bodenhaftung" der zum heutigen Alltagsleben und Alltagsbewusstsein – das alle Teilnehmer_innen gemeinsam haben – sucht: indem eine solche Lektüre und Diskussion Hegels Anliegen ernst nimmt, jede vermeintliche Unmittelbarkeit als eine "vermittelte Unmittelbarkeit" zu erkennen, das heisst als historisch entstandene.

Damit würde schon "entdinglicht". zum andern bedeutet es die permanent zu fordernde Bemühung der akademisch und/oder marxologisch ausgebildeten "Privilegierten", ihr Fachwissen als Voraussetzung ihres Textverständnisses mitzuteilen, für das Alltagsdenken des Normalzustands der Lohnabhängigkeit "rüberzubringen", d.h. zu vermitteln. Folglich kann weder in der von Lukács behandelten Theorie noch in der Alltagspraxis oder auch politischen Praxis der Lesenden von dem abstrahiert werden, was historisch und sozio-ökonomisch der Wert- und Warenform zugrundeliegt, ihre (durch "stummen Zwang" oder auch offene Gewalt permanent aufrechterhaltene) Voraussetzung bildet: der Klassengesellschaftlichkeit – der sich keine_r entziehen kann –, welche auf dem privaten Klasseneigentum an den gesellschaftlichen Produktions- und Lebensbedingungen beruht.

Ein derartiges Experiment kann keine "bruchlose", didaktisch eingängige ("Schulung") oder konfliktfreie Lektüre/Diskussion garantieren, im Gegenteil: die Reflexion der eigenen Situation hinsichtlich "Klassenbewusstsein", (das sich bekanntlich heute als "buckliger Zwerg" des Communismus nicht mehr sehen lassen kann) Klassenlage und Klassenkonflikten ist für sein Gelingen vorausgesetzt.

Gelingen wird der Kurs in dem Grad, in welchem die Assoziation von Fachwissen und Alltagserfahrung ("Produktionswissen" etc.) durch die Teilnehmer_innen entlang den von Lukács’ Text geknüpften Problemknoten so hergestellt wird, dass diese selbständig aufgeknotet werden können. Indem also nicht mehr und nicht weniger als ein Problembewusstsein geschaffen wird, in dessen Herstellung das Gefälle der Klassenlagen und Bildungselemente der Lesenden, ihrer Subsumtion unter die gesellschaftlichen Teilungen der Arbeit, ein Stück weit abgetragen wird, könnte die selbsttätige Kritikfähigkeit aller als gesellschaftliche Individuen sich besser entfalten. "Die queercommunistische Bibliothek möchte sich als ein "Ort der Auseinandersetzung" verstehen, an dem auf theoretisch-sublimierter Ebene das "queering" experimentiert wird – begriffen als (einen Teil der wirklichen Bewegung ausdrückendes) kritisches Durchkreuzen, Aufmischen, Durcheinanderbringen, letztlich emanzipatorisches Aufheben aller "normative orders" oder fixen, verdinglichten, herrschenden Kategorien, Existenzbestimmungen, Daseinsformen und Matrices des gesellschaftlichen und bewussten Seins, welche die schrankenlose selbstbestimmte Entwicklung des gesellschaftlichen Individuums, das sich Selbstzweck ist, hemmen und verhindern und welche in der bestehenden gesellschaftlichen Totalität miteinander verschränkt, voneinander unablösbar sind: wie "Geschlecht", "Privateigentum" und "Klassenfunktion"."

Queering, so begriffen, wird nun auch einen Basistext des "orthodoxen Marxismus", der sich gerade als Erneuerung der ursprünglichen Marxschen radikalen Kritik alles Bestehenden und aller Dogmen verstehen wollte, nicht verschonen. Aber auch die philosophischen Grundlagen der akademischen gender studies – zu denen Kant, Hegel, Husserl, Heidegger und andere "wh(ite)o(ld)men" gehören, mit denen Lukács sich auseinandersetzt – können dieser Kritikmethode nicht entgehen.

Das erste Treffen aller Interessierten am Donnerstag dem 17.11.2011, 19 Uhr, soll der genauen Terminfindung für die mindestens halbjährige Lektüre dienen, die individuellen Erkenntnisinteressen zusammentragen und den hier vorliegenden konzeptionellen Ankündigungstext diskutieren.

Vortrag am 24.Nov 2011, 19Uhr im Saal des IVI (Kettenhofweg 130)
Die Heidegger-Kritik von György Lukács (Vortrag v.Christoph Zwi)

Der philosophische Dichter und Denker im Lande der Richter und Henker – der (prä- und post-) NS-Ideologe Martin Heidegger – hat vor allem auf einem Gebiet zu siegen nicht aufgehört: bis heute wird "Ontologie" in einem stereotypen Reflex gerade auch von Linken allererst mit seinem Namen in Verbindung gebracht. Dass es sich dabei jedoch um eine Pseudo-Ontologie handelt, welche vom "Dasein", "Seienden" und "Seinsgrund" usw. faselt, während sie die begriffliche Bestimmung aller Kategorien und Beziehungen von gesellschaftlichem Sein, Bewusstsein sowie last but not least naturhaften Seinsgrundlagen verbietet und durch Mystizismus ersetzt, dies materialistisch aufzudecken gelang dem Begründer des "westlichen Marxismus", Georg Lukács, dessen ontologische Kritik aber noch immer weithin verdeckt wird von der Adornoschen Ontologiekritik. Ohnehin wird im fachphilosophischen herrschenden Universitätskanon "Ontologie" noch stets pauschal als "vor(erkenntnis)kritische Metaphysik" tabuisiert.

In der bisherigen transLib-Reihe zum Existenzialismus (2010/2011) wurde indes ein spannender Aspekt sichtbar: Es gibt auch Bemühungen um eine kritische Methode der Gesellschaftsanalyse und ihr entsprechende Ethik, die von Karl Marx' Feuerbachthesen und der Kritik der politischen Ökonomie ausgeht, sich in dieser Perspektive als kommunistisch-revolutionär versteht und gleichwohl sich durchaus als ontologisch basiert begreift. Die phänomenologische oder spekuläre Ontologie von J.P.Sartre, die spektakelkritische der Situationisten und eben die historisch-genetische Gesellschaftsontologie von Lukács wurden bisher benannt. Wenn nun letztere ins Zentrum dieses Vortrags gestellt wird, dann geht es um ein Resümee des Weges, den eine "Neue Ontologie" seit dem Ende des Ersten Weltkrieges in der Heidegger- und in der Lukács-Richtung in unversöhnlicher Divergenz eingeschlagen hat.

An jeder Wegmarke erwies er sich erneut als Scheideweg: – ob Kategorien oder ob "Existenzialien" herauszuarbeiten sind, – ob es einen "dritten Weg" zwischen "Idealismus" und "Materialismus" oder zwischen "Rationalismus" und "Irrationalismus" geben kann, – ob Philosophie, Wissenschaft, Theorie und Denken miteinander und mit gesellschaftlicher Praxis revolutionär zusammengehen können, – ob Geschichtlichkeit mit theologischen Deutungsmustern zu interpretieren ist oder immer nur als Veränderung der Gegenständlichkeit durch die Menschen begriffen werden kann, – ob die Subjektivität oder die Objektivität im gesellschaftlichen Sein, in Raum und Zeit für die Analyse der Bewusstseinsformen und Gesellschaftsformen das Entscheidende ist, – und welche Funktion in alledem die Sprache hat … Jede dieser Entscheidungsfragen wurde von Lukács seit 1920 bis 1970 diametral entgegen den Heideggerschen Denkvoraussetzungen gestellt und beantwortet. "Das eigentliche Sein zum Tode, d.h. die Endlichkeit der Zeitlichkeit ist der verborgene Grund der Geschichtlichkeit des Daseins." (Heidegger) Lukács denunziert dies als Pseudogeschichtlichkeit. "Heidegger will eine theologische Geschichtsphilosophie für den ‚religiösen Atheismus' schaffen." Die Lukács'sche Ontologie arbeitet ideologiekritisch, indem sie materialistisch bloßlegt, dass und wie Sein wesentlich permanentes Anderswerden ist. "Es ist nicht so, dass sich die Geschichte innerhalb des Kategoriensystems abspielt, sondern es ist so, dass die Geschichte die Veränderung des Kategoriensystems ist. Die Kategorien sind also Seinsformen".

Wenn die menschlichen Bewusstseinskategorien die Seinskategorien reflektieren, dann bedeutet ontologische Methode die Analyse von Erscheinungen und Scheinformen in ihrer objektiven Wirkungsmächtigkeit als dialektisches, wesentliches Aufeinandereinwirken der Menschen. Sowohl Lukács als auch Heidegger sprechen von "Verdinglichung". Doch genau mit der fetischismuskritischen Entfaltung dieses Begriffs legt Lukács die "Pseudoobjektivität" der "Fundamentalontologie" Heideggers als subjektivistische, ungeschichtliche – und immer wieder suggestive – Fixierung kapitalistischer Alltagsunmittelbarkeiten bloß. Ihre "philosophische" Mystifikation hilft Menschen in der "Sorge" der gesellschaftlichen Krise, sich dem vorgeblichen "Seinsgeschick" und der "Entschlossenheit", der "Gelassenheit zu den Dingen" und dem "Sein zum Tode" zu unterwerfen.

An dieser Stelle sei auch auf die Gegenaktivitäten () der "Linken Fachschaft am Fachbereich 03″ der Uni Marburg angesichts der dort vom 25.-27.11. stattfindenden Tagung der Martin-Heidegger-Gesellschaft verwiesen.

2013 || theoriepraxislokal.org