Veranstaltung am Mittwoch dem 30. Januar 2002 um 19.30 Uhr in der Mühlgasse 13 (Frankfurt-Bockenheim)
Widerstehen im Riss der Zeit - in memoriam Heinz Meyer (1911 - 1982)
Am 29.1.1982 starb in Frankfurt-Höchst Heinz Meyer, Sohn aus erster Ehe des SPARTAKUSBUND-Mitgründers und zeitweiligen KPD-Vorsitzenden Ernst Meyer (siehe Rosa Meyer-Levine: »Im inneren Kreis«, 1977). Heinz Meyer blieb dem historisch-praktischen Vermächtnis seiner »kommunistischen Väter« Ernst Meyer und Eugen Levine und besonders dem theorie-praktischen Auftrag von Rosa Luxemburg konsequent verpflichtet. Als junger Kommunist noch im Rahmen der KPD, im antifaschistisch-revolutionären Widerstand als Mitglied der Gruppe »Der Funke« in Berlin dann im Zuchthaus, vor und nach der DDR-Gründung in antistalinistischen Kritikzirkeln aktiv und ab 1952 in Westdeutschland als »heimatloser Linker« - stets große wie kleine Organisationen der Linken bis hin zur SPD durchquerend, ohne sich von ihnen jemals »fressen«, verfilzen und vereinnahmen zu lassen - unermüdlich kritisch-praktisch tätig. Die Debatten um Staatskapitalismus, Krisentheorie usw. trieb er voran in einem Spektrum, das von Ernest Mandel und Henry Jacoby über den »Sozialistischen Bund« bis zu linksakademischen Kritikern der »Übergangsgesellschaft« und »Stamokaptheorie« reichte. In all diesen Auseinandersetzungen wuchs seine Skepsis gegenüber den zeitgenössischen politischen Kristallisationen der alten wie »Neuen Linken«, deren bürokratisch-apologetischem, subjektivistischen und theoretisch kurzatmigen Politizismus, Opportunismus und Karrierismus er begegnete mit seiner trotzigen Spielart von Kritik der politischen Ökonomie: »Mein weiteres theoretisches Anliegen war die Nutzanwendung und Weiterentwicklung der von Rosa Luxemburg gelieferten Akkumulations- bzw. Imperialismustheorie, die es zu aktualisieren galt. Genau wie Fritz Sternberg in seinem Buch ›Der Imperialismus‹ (1926) kam ich zu dem Schluss, ›daß jeder Stein des Marxschen Baues durch den Tatbestand des nichtkapitalistischen Raumes berührt wird; nicht nur die Akkumulation des Kapitals selbst, sondern ebenso die Krise im Kapitalismus, die industrielle Reservearmee, der Arbeitslohn, die Arbeiterbewegung und vor allem die Revolution.‹ ... Dass mit dem ›siegreichen Fortschreiten der Arbeiterbewegung‹ etwas nicht stimmte, war selbst mir mit meiner begrenzten Lebenserfahrung von sieben Jahrzehnten klar« (aus den Erinnerungen »Ein Leben im Widerstand«, 1981).
Diese Lebenserfahrung ist exemplarisch für eine Generationenfolge meist anonym gebliebener, aufgeweckter, nicht korrumpierter und unbeirrbar an der Vermittlung von Theorie und Praxis arbeitender Kapitalismuskritikerinnen inmitten der deutschen Misere des vergangenen Jahrhunderts, die als Ferment in der revolutionären Arbeiterbewegung weiterwirkten. Die Veranstaltung versucht aus den Lebenserinnerungen von Heinz Meyer (»Ein Leben im Widerstand«, 1981), die mit seinen Aufsätzen und Schriften in der Studienbibliothek der Sozialistischen Studienvereinigung zur Verfügung gestellt sind, eine politisch-theoretische Physiognomie herauszuarbeiten. Bei der Lesung und Diskussion werden Menschen (wie Heinz Brakemeier) für die Diskussion anwesend sein, die Heinz Meyer gekannt haben.
»Eugen Leviné zitierte einmal (in Anlehnung an eine antike römische Sage):
Die Besten müssen springen
In den Riß der Zeit
Nur über ihren Leibern schließt er sich,
Nur ihre Leiber sind der seltne Same
(…) Inzwischen sind die Antagonismen auf ökonomischem, politischem und sozialem Feld angewachsen, die Risse haben sich zu derartigen Klüften erweitert, daß sie sich nicht länger verkleistern lassen ... Um mit den heutigen Antagonismen fertigzuwerden, bedarf es entweder brutalen Eingriffs oder einer ausgefeilten Kunst der Demagogie ... Zweifellos leben wir in einer Zeit der Zäsur, einer Bruchstelle zweier Epochen, die möglicherweise mit der Barbarei des Ersten Weltkrieges begann. Wir erlebten schwere Traumen: Entartung des russischen Bolschewismus, Weltwirtschaftskrise, Faschismus, ein erneuter Krieg (...) - man verdrängt, muß verdrängen. ... Neue Gefahren ziehen herauf. Eine solche Zäsur der Geschichte zieht sich über Jahrzehnte, über Generationen hinweg. Mein Vater sprang in den ›Riß der Zeit‹ und wurde von ihm verschlungen. Ich versuchte ihm nachzueifern ... Die Schwere der Erlebnisse erforderte viel Standvermögen. ... Doch, anders als mein Vater, wandte ich mich nun verstärkt theoretischen Bemühungen zu. ... Ich habe politischen Freunden gesagt: ihr müßt ›Askese‹ üben! Haltet euch von dem billigen, korrupten politischen Alltagsgetriebe fern, werdet keine ›Aufsteiger‹! (...) Der Vollkapitalismus zieht seinen Kritikern den Boden unter den Füßen weg. ... Und die Folge: allgemeine Ratosigkeit, Verwirrung, die alten Thesen stimmen nicht mehr, was soll man tun? (...) Doch vernichtet der Vollkapitalismus nicht nur alte Kritik, er schafft auch beständig neue. Sie ist unerfahren, ungeschickt, macht sich zuweilen lächerlich in ihrer ›Dummheit‹, wird leicht weggewischt. Und doch: ständig erfolgt die Neuschöpfung der Kritik, und der Kapitalismus wird alt und müde. Die Geschichte macht ihre Umwege, wie gewöhnlich. Aus dem fast unüberschaubaren Brei der Geschehnisse zeichnen sich verborgene Linien, Strömungen, Tendenzen heraus. Sie gilt es bewußt zu machen, ans Tageslicht herauszuholen. ... Der Antagonismus zwischen Kapital und Arbeit bleibt (...) we keep the lips tight. Wir sind unbesiegbar ... Der Kapitalismus ist es nicht, selbst wenn er uns glauben machen möchte, die einzig denkbare Wirtschafts- und Gesellschaftsform auf diesem Erdball zu sein. (...) Wir Nachgeborenen gingen unter denkbar schlechten Voraussetzungen ans Werk, wir gerieten in die Periode des Verfalls. Wir blieben anonym, geduckt, konnten uns nicht entfalten. Doch in unserem Wollen, Denken und Fühlen sind wir vom gleichen Geiste geprägt: (...) Die nächsten Aufgaben stehen vor der Tür.«
Heinz Meyer, Frankfurt am Main, 28.7.1981
(aus dem Schluß der Lebenserinnerungen von Heinz Meyer:
»Ein Leben im Widerstand. In memoriam Rosa Luxemburg - Ernst Meyer - Eugen Leviné«)
Ein Arbeitspapier von Heinz Meyer: