Ein Brief an Michael Heinrich

Rosa Gölitzer an Michael Heinrich am 21.7.1994

Betr.: Deine Diss - unser Telefonat am 19.d.M.

Lieber Michael,

Auf Dein Buch aufmerksam geworden bin ich durch einen mehr philosophisch orientierten Kollegen in Frankfurt/M, der sich wiederum auf Diskussionen bezog, die Dich wesentlich als Marx-Kritiker, oder sogar als -»Schlächter« rezipiert hätten. Eine solche Einschätzung ist nach aufmerksamer Kenntnisnahme Deines Buches zwar unhaltbar, aber verschiedene Gedankengänge sind durchaus geeignet, eine solche Schlussfolgerung zu provozieren. Ich will im folgenden versuchen - so aus dem Stegreif - einige, mir als wichtig erscheinende Stichpunkte anzureissen und sich mir dazu spontan aufdrängende Gedanken zu skizzieren.

Die erste mich erwartungsfroh gestimmte Ankündigung, dass die Marxsche Wert- und Kapitaltheorie wesentlich eine »monetäre« sei (S.11), deren theoretisches Hauptproblem, nämlich die »Existenz einer Geldware ... kaum untersucht« worden sei, wird im ganzen Buch nicht eingelöst. Statt dessen wird durchgängig mit dem Begriff »Austausch« hantiert ohne genauer zu hinterfragen, was eigentlich seit der »Demonetisierung des Goldes« realiter noch »getauscht« wird. Den Begriff des »(Aus-)Tauschs« genauer zu bestimmen erfordert m.E. zunächst eine strikte analytische Trennung der (gesellschaftlichen) Sphären, wo zuert »Waren-Wert« produziert wird (MEW23: »Der Produktionsprozess des Kapitals«), nämlich in der Fabrik, und jener, wo der bereits fertig vorhandene Gebrauchsgegenstand erst später als »(Tausch-)Wert« im Sinn der »Reproduktion von Kapital« in »Geldform« realisiert wird - oder eben auch nicht (MEW24: »Der Zirkulationsprozess des Kapitals«), nämlich auf dem Markt. Soweit Marx die realen Bewegungen analysiert - in »Gesellschaften (wo) kapitalistische Produktionsweise herrscht« - treten sich auf Märkten keineswegs nur »Warenbesitzer« gegenüber, die »Ware« gegen »Ware TAUSCHEN«, sondern vielmehr vornehmlich Anbieter von Waren - i.e. letztlich ausschliesslich das »Industrielle Kapital«! - und Bedürftige, die logisch als »Nicht-Warenbesitzer« klassifiziert werden müssen: Entweder ist der »bedürftige« Marktteilnehmer selbst »Kapitalist« und verfügt über GELD das aus einem früheren Verkauf von Ware stammt, dann könnte stark vereinfacht davon gesprochen werden, er habe seine »Ware« gegen eine andere »getauscht«. Der empirische, gesellschaftlich-wissenschaftlich relevante Marktteilnehmer ist heute - qualitativ von Marx' Zeiten kaum verschieden! - genau NICHT ein »Kapitalist«, sondern i.d.R. eine »Bürgerin«, die qua dieses gesellschaftlichen Status´ auf dem Markt rechtsverbindliche Geschäfte abwickeln kann.

Woher die genannte Bürgerin das Geld hat, das dem Warenanbieter dessen Waren-Wert realisiert, interessiert während der Markt-Verhandlung niemanden. Auf dem »Markt« werden in »gewaltlosen«(! ) Verhandlungen zwischen Anbieter und NachfragerIn Preise ausgehandelt, die keinen der beiden benachteiligen, bzw. gewöhnlich als »Austausch von Wertäquivalenten« angesehen werden. Streng logisch kann aber nur von »Austausch« nur gesprochen werden, wenn die zu tauschenden Dinge tatsächlich »(Ver-) gleich (-bar)«, im Sinn von gemeinsamer »Substanz«, SIND. Der Ausdruck »Wert haben« oder »... besitzen« hat in diesem Zusammenhang schon vielfältige Missverständnisse hervorgerufen! »Austausch« setzt also voraus, dass die zum Zweck des gesellschaftlichen Lebens und Produzierens nachgefragten und konsumierten Güter von gleicher Substanz SIND, wie jene, die als »Wertäquivalent« dagegen »getauscht« werden.

Problematisch wird der Sachverhalt, wenn er auf geamtgesellschaftlicher Ebene betrachtet wird: Seit der »Entstofflichung« von Geld, bei Dir »Demonetisierung von Gold«, tritt an die Stelle der »baaren Münz« im Besitz der Bürgerin nun deren eigne Lebenssubstanz, i.e. »Arbeitskraft«, deren »Wert« sie zuvor schon auf dem Arbeitsmarkt realisiert haben muss - andrenfalls verliert sie ihren »BürgerInnen«-Status, der traditionell bekanntlich nur »Eigentümern« von Grundstücken, Geld oder Produktivkapital eingeräumt wurde. Fast zwangsläufig folgt der soziale Abstieg von der angesehenen Bürgerin, zum arbeitslosen, bzw. arbeitsscheuen Sozialschmarotzer, zum »überzähligen Esser«, schlussendlich zum »unwerten Leben«.

Ab der Seite 27 habe ich angefangen mich aufzuregen: Deine Rezeption von John Locke verdreht die real-historische Bewegungen geradezu in ihr Gegenteil, wenn Du Locke so zitierst, dass der Eindruck entsteht »Eigentum« werde einem »Naturzustand« zugeordnet, »Besitz« dagegen hänge an gesellschaftlicher Konvention und werde duch Geld - »nutzlose Dinge wie Gold und Silber« - vermittelt. Ich kann hier nur qualifiziert spekulieren, halte aber folgenden Gedanken für beachtenswert: Locke spricht in dem zitierten Zusammenhang von »property«, die erst durch individuelle »labour« aus ihrem Naturzustand, »where it was common, and belonged equally to all her children« herausgenommen wird. »Labour ... has thereby appropriated it to himself« (MEW26.1, 448f). Auffällig dabei erscheint mir die offensichtliche Verschiedenheit der Wortstämme von »property« als »Eigentum« und von ap-«propRiate«, oder »propRiator«, oder frz, »propRietaire« oder lat. »propRietas« in der Bedeutung von an-eignen, Eigentümer und das lateinische »Eigentum«, das aber erst in nachklassischer Zeit überhaupt als Rechtsbegriff auftaucht. Im Englischen scheint mir »property« am ehesten verwandt mit »proper«, was möglicherweise einen »rechtschaffenen« Erwerb des Guts mit implizierte. Im klassischen römischen Sachenrecht wird Eigentum fast ausschliesslich als »dominium« bezeichnet, ein Begriff der noch deutlich auf »domus« = Haus, Wohn-SITZ hinweist. »Pro-prie-tas« bezeichnet dagegen ein gesellschaftliches Verhältnis zugunsten desjenigen als rechtmäßig, der die Sache schon früher - »-prius« - rechtsfehlerfrei »erworben« hat. Die wesentlichen Erwerbsformen im römischen Reich waren die »Ersitzung« von Grund und/oder die widerspruchsfreie gewaltsame/militärische Vertreibung von »früheren«, rechtmäßigen »Besitzern« .

Deine abfällige Meinung über solch »relativ nutzlose(n) Dinge, wie Gold und Silber« verkennt die Tatsache, dass diese Edelmetalle jahrtausendelang als unmittelbare Gottesgaben angesehen wurden: Neben Platin, das erst im 19. Jahrhundert als chemisches Element entdeckt wurde, sind Gold und Silber die EINZIGEN Metalle, die in der Natur als solche, gediegen vorkommen: Alle Metallbearbeitung, und damit der sogenannte technische Fortschritt gingen ursprünglich von diesen Elementen aus (vgl. Henseling: Bronze Eisen, Stahl, rororo 1981), was auch noch in der Symbolik der Alchimisten deutlich wird: das Sonnensymbol steht für Gold, das Mond-Symbol für Silber.

Eines der offensichtlich schwierigsten Probleme von Wirtschaftswissenschaft überhaupt ist wohl eine logisch, schlüssige »Bestimmung« (Hegel) der »Begriffe« Wert, Ware, (von wem oder was auch immer) »kommandierte« Arbeit sowie deren Zuordnung zur empirisch offensichtlich gegebenen aber weitgehend logisch unzureichend herleitbaren »Gesellschaftlichkeit« der - wird selten ausgeführt, gemeint sind wohl »gesellschaftlich« geprägte - Einzelindividuen.

Wie Du vollkommen zurecht kritisierst darf das Marxsche Hauptwerk keinesfalls als historisch-soziologistische Darstellung des Werdens des »Kapitalismus« missverstanden werden. Marx versucht vielmehr - offensichtlich weniger erfolgreich, wie die Mistverständnisse zwischen 1867 und Deinem Opus belegen! - dem LOGISCHEN Gehalt des durch die gesellschaftliche Alltagspraxis tagtäglich reproduzierten, aber nichtsdestotrotz schon immer als gesellschaftliches Apriori vorhandenen »WERTs«, sowohl dem von »Sachen« (den wegen ihrer Verschiedneheit unvergleichbaren, konkreten Gebrauchsgütern), als auch dem Wert des Geldes, als dem verselbstständigten gesellschaftlichen Komplement zu dem insgesamt vorhandenen »gesellschaftlichen Reichtum«, auf die Schliche zu kommen.

Die Anschaulichkeit der Darstellung des »einfachen Warentauschs« darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Marx wesentlich um die logische Herleitung des Geldwesens in einer - immer mitgedacht: DER bürgerlichen! - warenproduzierenden Gesellschaft geht. Eine Gesellschaft kann sich als »warenproduzierende« überhaupt erst konstituieren, wenn der »Wert« eines Produkts (ich sage bewusst NICHT »Ware«) tatsächlich in »Geldform« realisiert werden kann. Erst wenn - logisch wie historisch - nicht mehr unter Gesichtspunkten des praktischen Gebrauchs von konkreten Produkten produziert wird, sondern ausschliesslich noch im Hinblick auf die Verkäuflichkeit auf dem (Welt-) Markt, erst dann kann in allgemeingültigem Sinn von »Warenproduktion« als gesellschaflich vorherrschenden gesprochen werden, wobei trotz allem der konkrete »Gebrauchswert« des als Ware auf dem Markt erscheinenden Produkts VORAUSgesetzt bleibt, um überhaupt Käufer zu finden, die bereit sind, den im Produkt »vergegenständlichten« ArbeitsWERT in Geld zu verausgaben. (MEW23, 100f)

Streng logisch wird Produkt überhaupt erst Ware, wenn ein entsprechendes Wertäquivalent in Geldform, gegen das das Produkt »getauscht« werden kann, schlicht vorhanden ist. Die Begrifflichkeit innerhalb auch der »marxistischen« Wissenschaften über »einfache Warenproduktion« ist daher zumindest mit äusserster Vorsicht zu rezipieren: Ob beispielsweise das auf dem städtischen Markt erscheinende Getreide eines mittelalterlichen Bauern als »Ware« produziert wurde, deren »Wert« realisiert werden MUSS, oder ob eher der Erlös als willkommenes »Zubrot« zur alltäglichen Subsistenzplackerei angesehen wurde, dürfte nicht mehr hinreichend genau zu klären sein. Ziemlich eindeutig wird aber über Jahrhunderte hinweg der Begriff »Wert« mit »Geld«, bezw. »Münze« gleichgesetzt; in älteren Dokumenten wird daher auch fast ausschliesslich der (innere Metall-)Wert von Münzen behandelt - ein »Warenwert«, im Sinn der Äquivalenz von (Export-)Produkt und (noch nicht!) erzieltem Verkaufserlös erscheint m.W. historisch erstmalig im Zusammenhang mit einer »Einfuhr-Umsatz-Steuer« (= »Almoja-rifazgo«) in Santo Domingo seit dem 15. Okt. 1522, als dort Abgaben auf noch nicht verkaufte Ware erhoben wurde. Der »Warenbesitzer«, d.h. der -Importeur, bzw. gar der -Spediteur musste zunächst »Geld« bezahlen, bevor er überhaupt sein Schiff ausladen durfte und die Ware überhaupt erst am Markt feilbieten konnte. (H. & P. Ghaunu; »Seville et l’Atlantique«, t. 1, p. 246 - Paris 1956)

Solange auf den empirischen Warenmärkten tatsächlich der Waren»tausch« vorherrscht(e), in dem Sinn, dass jeder Marktteilnehmer irgendein Produkt anzubieten hat(te) und aus dem Erlös seiner Verkäufe seine persönlichen Bedürfnisse befriedigt, solange war der wissenschaftliche Diskurs über das »Wesen« oder die »Substanz« des WERTs weitgehend müßig. Wie schon Aristoteles richtig anmerkt, was aber Marx (MEW23,73) im Hinblick auf sein Darstellungsinteresse etwas verdreht wiedergibt, sind die auf dem Markt feilgebotenen »unterschiedlichen« Waren »zwar in Wahrheit unmöglich« vergleich- oder messbar; »in bezug auf das Bedürfnis aber verwirklicht sich dies in zufriedenstellender Weise,« (Nikomachische Ethik, übers. v. Franz Dirlmeier, S. 107f - Berlin 1956 ff).

Es bleibe hier dahingestellt, in WESSEN Sinn Aristoteles glaubt, die Marktteilnehmer regelten ihre Austauschmodalitäten (/post-/modern: »Terms of trade«) »in zufriedenstellender Weise«; Beachtung sollte aber dessen dahinterstehenden »gesellschaftlichen Grundwerten« gezollt werden: »Bedürfnis« und »Gerechtigkeit«. Die Wirtschaftswissenschaft der bürgerlichen Gesellschaft anerkennt solche immateriellen Güter bestenfalls noch als zu Propagandazwecken dienlich; gesellschaftlich relevant zur Gestaltung der »Verhältnisse« der Menschen untereinander und deren Verhaltens zu ihren Produkten sind lediglich noch »Kostpreise« der Produktion einerseits, sowie unterschiedliche Grade von »Marktsättigung« andrerseits, wobei der Begriff »Marktsättigung« auf nichts andres hinweist, als dass die Gesellschaft über weniger »Geld« verfügt als sie an »wertförmigem« Warenprodukt produziert. Marx untersucht im 20. Kapitel des ZWEITEN Bandes, ob eine Gesellschaft auf der Grundlage BÜRGERLICHER Gerechtigkeit, i.e. im Wesentlichen der »Austausch« von Wertäquivalenten - von Marx durchgängig als »Produkte« von »Arbeit-s-pozessen« im Aristotelischen Sinn gebraucht! - überhaupt dauerhaft (über-)leben kann. Er selbst verneint die Möglichkeit dauerhafterer »einfacher Reproduktion«, wenn auch zahlreiche Rezipienten aus demselben Text gegenteiliges herausgelesen haben wollen.

Insbesonders die Praktiker des »real existierenden Sozialismus« - der »sozialistischen Warenproduktion« - scheiterten mit ihrem Projekt der Planbarkeit gesellschaftlicher (Re-) Produktion, obwohl sie ihrer »herrschenden Klasse« - der Monopolbesitzerin von Produktionsmitteln UND Geld soviel »Tugendhaftigkeit« (Aristoteles) »verordneten«, dass tatsächlich »aller Mehrwert« in den gesellschaftlichen Konsum eingehen konnte - und einiges darüber hinaus, wie die Vernachlässigung des »Ersatz« des fixen Kapitals in natura« zeigt(e).

Bevor ich nun immer weiter abschweife, vom »hundertsten auf's tausendste« komme und weitere Wochen an diesem »aus dem Stegreif« hinzuwerfenden Papier herumwerkele, will ich zurückkommen auf den mir wichtig erscheinenden Aspekt: Das »Verhalten« von Marktteilnehmern einerseits - nur ein verschwindender Teil nimmt am Marktgeschehen als »Warenbesitzer« teil! - sowie die Stellung der Vielzahl gesellschaftlicher Individuen zur materiellen Produktion, aus deren diesbezüglichem »Verhalten« Marx die Konstitution gesellschaftlicher »(Produktions-)Verhältnisse« herzuleiten versuchte. Ich vermute, Du wirst mir dahingehend zustimmen, dass Marx den Prozess der materiellen »Wertschöpfung« in der Fabrik (=»Produktionssphäre«) ausführlich geschildert, und m.E. hinreichend genau analysiert hat: Menschliche »Arbeit« - stets im Sinn von »labour«, im GEGENSATZ zu »work« als rein mechanischer Energieumwandlung! - wirkt mithilfe von technischen »Produktionsmitteln« SINNVOLL auf bereits mehr oder weniger bearbeiteten »Natur«stoff ein und fügt diesem so Wert hinzu (= »manufacturing value added«).

Bislang unzureichend rezipiert wurden Marx´ Überlegungen, was eigentlich im weiteren Verlauf mit den produzierten Produkten, und zwar »jeder einzelnen Ware«(!) passiert: letztendlich »erscheint« das »gesamte Wertprodukt« einer Gesellschaft »in der Naturalform von Konsumtionsmitteln« auf dem Markt (zumindest gilt das für »hochentwickelte« Gesellschaften wie die BRD-Gesellschaft, wo sich »Investitionen« und real-»Abschreibungen« aufheben, sobald nur noch Ersatz- und/oder Rationalisierungs-Investitionen getätigt werden!). Dieses Gesamtangebot von »Konsumptionsmitteln« ist GLEICH - logisch zwingend - der »Lebenssubstanz« der Gesamtgesellschaft, die sich ja mithilfe dieser angebotenen Konsumgüter ernährt, bzw. sich selbst entsprechend ihren kulturellen »Bedürfnissen« im weitesten Sinn »reproduziert«.

Legalen Zugang zu den im Supermarkt vorhandenen Warenmassen haben ausschliesslich Geldbesitzerinnen, denen es absolut selbst überlassenbleibt, WIE sie sich zuvor in den Besitz von »Geld« gebracht haben. Als Regelfälle, wie Menschen in Gesellschaften mit »kapitalistischer Produktionsweise« zu Geld kommen, nennt Marx zwei Möglichkeiten: entweder ich lasse meine »Arbeitskraft« im materiellen Produktionsprozess »produktiv vernutzen«, dann bin ich selbst Teil des gesellschaftlichen Produktivkapitals und werde wie dieses sowohl wertmäßig als auch »in natura« stets neu reproduziert. Die andere Möglichkeit besteht darin, dass ich einem X »Kapitalisten« , bzw. der »herrschenden Klasse« als ganzer »Dienste leiste«. Das mir dann zugeteilte Geld dient in erster Linie der Realisierung des m-Anteils im Warenprodukt der Konsumgüterirndustrie - sowohl der Hersteller von »notwendigen Lebensmitteln« als auch derer von »Luxusgütern« - deren »Mehrprodukt« unverkäuflich bliebe, wenn nicht »die respektiven Kapitalisten« selbst das entsprechende Geld zuvor »in Zirkulation« geworfen hätten. (Vgl. beiliegendes - schon leicht vergilbtes - Thesenpapier zur »einfachen Reproduktion«.)

Offensichtlich stehen sich im wirtschaftswissenschaftlichen Diskurs zwei grundverschiedene wissenschaftliche Theoriegebäude un(ver)mittelbar gegenüber: Eine »Theorie des Marktes« vertritt im wesentlichen die Aristotelische Position, dass »gerechte« Austauschverhältnisse - wenn sie auch logisch nicht herleitbar sind - sich irgendwie von selber, »in zufriedenstellender Weise« einstellen, zumindest »in bezug auf das Bedürfnis« - von Geldbesitzern, wobei Aristoteles »Geld« lediglich als Synonym für wirklichen, gesellschaftlichen »Bedarf« begreift.

Eine mehr produktionsorientierte Theorie (Schlagwort: »Schaffung von Arbeitsplätzen!« / »Wettbewerbsfähigkeit durch innovative Produkte!«) abstrahiert gänzlich von den Real-Bedürfnissen der Menschen - der Bedarf für die absurdesten Produkte wird von einer eigens zu diesem Zweck ins Leben gerufenen Branche produziert - die gesamte Medienbranche mit ihren zahlreichen akademischen »Kopfarbeitern«, ihren künstlerischen Zulieferern sowie deren industriellen Ausrüstern - vom Gitarrenverstärker übers »Magnetofon« und die Compact Disk bis hin zum Kabel-TV und »Nachrichten«-Satellit - wird von Industrien gesponsort, für deren Produkte vielleicht nicht kein Bedarf, aber ohne die in den Medienbereich gepumpten Milliarden auf jeden Fall keine »Kaufkraft« vorhanden wäre.

Beiden theoretischen Gebäuden kann eine gewisse Schlüssgkeit nicht abgesprochen werden: die Güter, für die ein wie auch immer motivierter gesellschaftlicher Bedarf besteht, werden auch gekauft und konsumiert - wer das Pech hat, sich die forgeschrittenste Technologie zur Senkung des »Kostpreises« je Produkteinheit nicht leisten zu können, muss halt ein wenig »unbezahlte Mehrarbeit« leisten - »konkrete« Produktionsarbeit, die sich im Produkt-»Wert« zwar »vergegenständlicht«, aber auf dem Weltmarkt nicht realisierbar ist.

Nach meinem Verständnis der Marxschen Analyse gesellschaftlicher Reproduktion auf der Basis »kapitalistischer Produktionsweise« müssen die gesellschaftlichen Sphären, die gewöhnlich als »Marktwirtschaft« einerseits, und »industrielle Wertschöpfung« andererseits bezeichnet werden analytisch streng getrennt werden: Auf dem Markt erscheint heutzutage alles und jedes, einschliesslich der persönlichen (Sex-)Sklavin aus Bangkok oder Manila, wofür in jedem Einzelfall zwischen Anbieter und Interessent ein »angemessener« - »Preis« verhandelt wird. Kommt der Eigentümerwechsel zustande, werden i.d.R. beide, also sowohl der frühere Eigentümer als auch der Erwerber der Sache behaupten, die Verhandlung wäre »in (sie) zufriedenstellender Weise« abgeschlossen worden. Kommt das Geschäft dagegen nicht zustande, sei es wegen - »ungerechtfertigter« zu hoher Geldforderung des Verkäufers, sei es wegen zu geringer Zahlungsbereitschaft / -fähigkeit des Interessenten, braucht uns - Gesellschaftswissenschaftler! - das überhaupt nicht weiter zu interessieren, denn es hat ja keinen »Austausch« gegeben; und »ohne Austausch« ist weder »Gemeinschaft« (Aristoteles) noch »Gesellschaft« (F.Braudel) möglich.

Empirischer Ausgangspunkt der Marxschen KAPITAL-Darstellung ist bekanntlich die »ungeheure Warensammlung« die tagtäglich auf ganz realen Marktplätzen gegen Geld »ausgetauscht« wird: Der Händler kommt morgens mit einem LKW voll »Ware« und fährt am Abend mit leerem Wagen aber den Taschen voller Geld. Als »Agent des industriellen Kapitals« hat er dessen »Warenkapital versilbert« - es bleibt ihm aber vollkommen selbst überlassen, wie er die Verkaufsverhandlungen mit potenziellen Kunden führt; gelingt es ihm höhere Preise als durchschnittlich einzunehmen und trotzdem die ganze LKW-Ladung zu verkaufen, ist das zunächst mal nur persönliches Glück; im weiteren Verlauf wird er vielleicht einen zweiten LKW kaufen und einen »Gehilfen« anstellen, aber dann wird's gewöhnlich schon schwieriger, weil sowohl Gehilfe als auch LKW erstmal bezahlt sein wollen. Unter den gewöhnlichen Konnkurrenzbedingungen am Markt wird der erwähnte Händler i.d.R. jedoch nicht ständig teurer als der Durchschnitt verkaufen können; seine LKW-Ladung wird ihm normalerweise bestenfalls einen bescheidenen persönlichen Lebenswandel ermöglichen und vielleicht sogar nach zwölf Jahren mal einen neuen LKW… Etwas anders sieht die Situation natürlich aus, wenn der »Einzelhändler« aldi oder Tengelmann heisst: Diese verkaufen zwar ebenso Produkte des »industriellen Kapitals«, können aber ihre Einkaufspreise aufgrund von Marktmacht (= »Monopolisten«) soweit unter die durchschnittlichen »Produktionspreise« drücken, dass beim Hersteller kaum ein Quentchen Profit übrigbleibt - also: für aldi oder Tengelmann produzieren, oder zusperren!

Ein so unter Druck gesetztes Industrieunternehmen wird »natürlich« versuchen, die »eigne Produktion (zu) verwohlfeilern«: Hier wieder zwei wesentliche Strategien. Einmal den Druck weitergeben auf immer weniger widerstandsfähige Zulieferer (als »Lopez-Syndrom« schon fast zum DUDEN-Begriff geworden), einschliesslich der Zulieferer von »Arbeitskraft«; andrerseits wird die Produktion »rationalisiert«, was i.d.R. die Erhöhung der Stückzahlen bei (möglichst) gleichbleibender Qualität und Mitarbeiterzahl bedeutet. Auf Marxistisch: das früher rationalisierende Unternehmen kann einen Extra-Profit aus dem Innovationsvorsprung schlagen. Bei allgemeiner Durchsetzung der »rationelleren« ProduktionsWEISE erhöht sich die »gesellschaftlich durchscnittliche Rate des Mehrwerts« in dem Sinn, dass immer weniger lebendige »Arbeitskräfte« immer mehr an Produkten herstellen - sowohl wertmäßig, als auch in Stückzahlen von Autos, Videorekordern, oder Kohle-Tonnen pro Mann und Schicht im Ruhrbergbau.

Vor einigen Jahren habe ich die Veränderungen der durchschnittlichen Arbeitsproduktivität in Westdeutschland überschlagsmäßig durchgerechnet: Zwischen 1960 (Vollbeschäftigung, Wohlstand und allgemeine Glückseligkeit) und 1935 hat sich die Anzahl der in der Produktion Beschäftigten rund halbiert, das Gesamtprodukt preisbereinigt aber verdoppelt - die gesellschaftlich durchschnittliche »Arbeitsproduktivität« hatte sich also vervierfacht, die durchschnittliche »Mehrwertrate« lag bei rund 40 zu 1, was auch einer empirischen Überprüfung standhält, wenn ich genauer untersuche was die vom Statistischen Bundesamt angegebenen 5,8 Mio. mit Produzieren/Herstellen/Fördern Beschäftigten tatsächlich produzieren: Alle Produkte, die strenggenommen weder der »Produktionsmittel-« noch der Konsumgüterbranche zugerechnet werden können, werden zwar bezahlt, gehen aber weder mittelbar noch unmittelbar in den gesellschaftlichen Konsum ein. Die wichtigsten Produkte und/oder Personen dieser Art sind fast die gesamte Medienbranche, darin insbesonders alles, was im weitesten Sinn mit Marketing zu tun hat, die gesamte Rüstungsbranche wie deren »kleine Schwester« die »Sicherheitsbranche« und natürlich die Vielzahl von grösseren und kleineren Investitionsruinen», wo zu Lasten des Staats oder der Kapitalistenklasse insgesamt (= »Assekuranzfonds«) Milliarden von (produktiven!) Arbeitsstunden in den Sand gesetzt werden. Beinahe hätte ich noch eine der wichtigsten »Wachstumsbranchen« dieser Art vergessen: die Müllbranche, einschliesslich deren Verursachern, die Produkte ausschliesslich zu dem Zweck herstellen, dass diese die »Beschäftigung« in der »Entsorgungswirtschaft« sichern; strenggenommen müssen auch alle Umwelt-Reparaturprodukte, -massnahmen dazugerechnet werden, weil die Verursacher der Schäden weder bereit, noch vielfach in der Lage sind, die früher angerichteten Schäden auf eigene Rechnung beheben zu lassen. Wenn die »Wissenschaft vom Wert« nun all diese Phänomene ausblendet, bzw. die konkrete Vielfältigkeit pauschal unter den Begriff der »abstrakt VERAUSGABTEN Arbeit« (m.E. ein absoluter nonsense-Begriff: entweder GELEISTETE Arbeit oder verausgabte ARBEITSKRAFT - aber »verausgabte Arbeit«?!?!) subsumiert, dann stellt sich - mir zumindest! - die Frage, was der Autor einer solchen Dissertation mitsamt seinem akademischen Betreuer eigentlich beabsichtigt.

Bevor ich nun endgültig zum Schluss dieses Monster-Papiers komme, möchte ich doch noch ein paar Worte zum sogenannten »Transformationsproblem« verlieren. Zunächst wäre zu fragen, wer und warum dieseR die Verwandlung von »Wert« in (»Produktions-)Preis« überhaupt zum »Problem« auserkoren hat. Offensichtlich spielt in diesem Zusammenhang der »Ausgleich (verschiedener) Profitraten« von verschiedenen gesellschaftlich relevanten Kapitalfraktionen eine herausragende Rolle. Nach meinem Marx-Verständnis führt die Diskussion um dieses Thema vollkommen am Marxschen Erkenntnisinteresse vorbei und ist als gesellschaftswissenschaftliches Thema m.E. ebenso überflüssig.

Folgen wir der Marxschen Herleitung des KAPTTALs, dann beschäftigte er sich ausschliesslich mit dem »produktiven Kapital«, das als EINZIGES befähigt sei, »mehr Wert in Form von Ware« hervorzubringen, als es »der Zirkulation(ssphäre) in Form von Produktionsmitteln und Arbeitskraft« entzieht. Ein (wirklicher) »Profit« kann also nur dort entstehen, wo warenförmige »Werte« real hergestellt und tatsächlich am Markt realisiert werden. Jede einzelne Ware verkörpert dabei die drei Wertbestandteile c, v und m. Hierbei sollte klar sein was die einzelnen Bestandteile sind: c ist der Wert der »vernutzten Produktionsmittel« einschliesslich des Verschleissanteils der weiterfungierenden, langlebigeren »Elemente des fixen constanten Kapitals«, v der NETTO-Lohn der an der Produktion beteiligten Arbeiter, gleich dem Geldbetrag, den »der Arbeiter in der Naturalform von Konsumtionsmitteln verausgabt« und m ist schlicht der Rest, der dem Kapitalisten NACH ERFOLGREICHER Vermarktung seines gesamten »Warenkapitals« in Geldform zurückströmt. Von diesem »Rest« muss der Kapitalist entsprechend der jeweiligen politischen Gepflogenheiten noch allerlei »Mitzehrer am Mehrwert« (Krit. Gothaer Progr.) befriedigen: größter Einzelposten davon ist der Staat einschliesslich dessen »Sozialversicherung«-ssytem (ist NICHT Arbeitereinkommen, denn aus diesem Topf beziehen »Arbeiter« erst Revenue wenn sie nicht (mehr) arbeiten, bzw. »Krankenversicherung« realisiert das Warenkapital der Pharma- und/oder der med. Geräteindustrie, und zahlt Ärzten ein »standesgemäßes« Einkommen!). Weiter muss der »industrielle Kapitalist« aus dem m-Anteil seines »Warenkapitals« sämtliche »Zirkulationskosten«, insbesonders Transport und PR decken, Schmiergelder zahlen (an potenzielle Auftraggeber und/oder Gewerbeaufsicht und/oder gewöhnliche Erpresser...) und was nach Abzug all dieser gesellschaftlichen Kosten übrigbleibt, das erst ist PROFIT. Und wieder hätte ich beinahe einen wichtigen Posten vergessen: die eigene Verwaltung des eigenen Betriebs; von der Vorzimmerdame des persönlichen Kapitalisten/Chefs über Material- und Lohnbuchhaltung bis hin zum Lagerarbeiter, der Werkzeuge und »Hilfsstoffe der Produktion« ausgibt. KeineR dieser Leute schafft Werte, aber alle sind notwendig zur Aufrechterhaltung des Produktionsbetriebs.

»Wenn nun jemand versucht, alle diese Unwägbarbeiten, wovon das eigentliche Marktgeschehen zudem noch die bedeutsamsten Unsicherheitsfaktoren birgt, in computergerechte Aussagensysteme mit endlich wenigen Zeilen und Spalten zu pressen, und dann noch zu behaupten das ganze sei ein »Gleichungssystem«, das theoretisch lösbar wäre, der ist in meinen Augen ein politischer Scharlatan!

Und nun, zum wirklichen Abschluss möchte ich mich zu allem Überfluss auch noch selbst zitieren mit einer Aussage, die ich mal im Mitgliederorgan der Industriegewerkschaft Medien losgelassen habe, und die wahrscheinlich die formallogisch einzig mögliche, korrekte Aussage über das Wesen »des Kapitalismus« sein kann: »Eine Ware ist immer das wert, was der Markt hergibt.«

Lieber Michael, mittlerweile sind drei Wochen verstrichen, und ich hätte noch hunderte von Anmerkungen …

 

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